Traditionelles Karate

Karate contra Selbstverteidigung – Die Wahrheit über „traditionelles Karate“

Das kennt ihr:

„Karate funktioniert in der Selbstverteidigung nicht.“

Das kennt ihr auch:

„Kann man traditionelles Karate heute noch auf der Straße verwenden?“

Und das vielleicht auch:

„Wir machen hier angewandte Selbstverteidigung, das hat mit Karate eigentlich schon gar nichts mehr zu tun.“

Und sicher kennt ihr es auch schon, wenn man sich im Training fragt, was die komplexen Techniken mit den schönen, zungenbrecherischen Namen, eigentlich bringen sollen, wenn man auf der Straße angegriffen wird. Die Vorstellung, ein Angreifer würde einen straßentypischen Rundschlag gegen die Schläfe ansetzen und die Erkenntnis, dass der Soto-Uke (Shotokan: Uchi-Uke) zu tief ist und der Age-Uke völlig vorbeigeht, führt einen doch recht schnell dahin, dass man daran zweifelt, ob Karate überhaupt noch etwas bringt. Vor allem das TRADITIONELLE Karate mit seinen festen Bewegungsabläufen, vorgeschriebenen Techniken, das wir ja immer schön mit einem fairen Partner üben, der sich an genau dieselben Vorschriften und Abläufe hält…


Motobu Choki demonstriert traditionelles Karate

Wie passt das zusammen? Wie kam es dazu, dass TRADITIONELLE Karate-Techniken so wirkungslos sind? Haben die Straßenschläger im alten Okinawa anders gekämpft? War es etwa ehrlos, in bester Old-Shatterhand-Manier gegen die Schläfe zu schlagen oder das Knie in den Unterleib zu rammen, sodass die großen Meister dagegen keine Abwehr zu entwickeln brauchten? War Karate von Anfang an nur als Showkampf gedacht mit der weisen Voraussicht, dass es irgendwann Kameras gibt, die saubere Techniken fürs Publikum einfangen sollen?

Und wieso sehen eigentlich die Fotos unserer Karate-Vorväter in Aktion so gar nicht nach Karate aus??

Und was haben eigentlich die Römer damit zu tun?

Fangen wir mit dieser Frage an: Von den alten Römern, genauer von ihrer Sprache Latein stammt das Wort „traditionell“ ab.

lat. „tradere“ – übergeben, überliefern, erzählen

Traditionelles Karate ist also dem Wort nach das Karate, das aus grauer Vorzeit überliefert wurde, das weitererzählt wurde. Vom Meister zum Schüler, zu dessen Schüler, zu dessen Schülern, zu deren Schülern… Ihr versteht das Prinzip. Dasselbe System greift auch woanders noch: Legenden, Erzählungen, Geschichten, sogar Märchen, allem voran mündliche Überlieferungen. Karate kann man nicht aus Büchern lernen, man muss es üben, trainieren, erklärt bekommen, verbessert werden.

Und jeder Ausbilder hat seinen eigenen Trainingsstil, bevorzugt dieses über jenem, findet das wichtiger, als das und so weiter. Genau wie bei mündlichen Überlieferungen: Dem einen Erzähler sind die Personen wichtiger, dem anderen die Orte. Und so verschwinden im Laufe der Zeit bestimmte Details, werden verändert, andere hinzugedichtet, bis am Ende mehrere Versionen existieren, die kaum noch Gemeinsamkeiten haben. Wusstet ihr, dass eine gewisse Prinzessin 100 Jahre schlief, nur weil ein Teller fehlte? Und dass eine andere zukünftige Königin nur deshalb wieder erwachte, weil ein Zwerg über die eigenen Füße gestolpert ist?

Übertragen wir also diesen Stille-Post-Effekt auf Karate, kommt die Frage auf: Fehlt da etwas?

Ja! Da fehlt was! Sogar was ziemlich wichtiges!

Wir haben jetzt herausgefunden, dass durch die Wege, über die Karate verbreitet wurde, es möglich ist, dass etwas im Lauf der Zeit verlorengegangen ist. Analysieren wir also, was das sein könnte und versuchen wir, das wiederzufinden.

Erste Frage: Wie sieht „traditionelles Karate“ heute aus?

In vielen Schulen kann man Karate grob in drei Teile gliedern. In gewissen Schulen werden die sogar völlig unabhängig voneinander gelehrt und trainiert werden: Kihon, Kata und Kumite.

Kihon-Training im Karate

Kihon, die Grundtechniken, also die bereits erwähnten Vorschriften, wie eine Technik auszuführen ist, stur allein oder mit einem Partner immer wieder dieselben Abläufe üben, bis sie formvollendet und hollywoodreif sitzen.

Usami Rika demonstriert eine Kata

Kata, der Formenlauf, eine Aneinanderreihung von Techniken, von denen einige im Kihon nicht mal zu existieren scheinen (Wer bitteschön übt im Kihon den Juji-Uke oder Tettsui-Uchi?), ein mehr oder minder zackiger Tanz ohne Musik.

Kumite auf der WKF-Weltmeisterschaft 2012

Kumite, der Freikampf, mit seinen Regeln und Kampfrichtern eine (relativ) ungefährliche Art, miteinander um Punkte zu wetteifern, sportlich, fair, nach Geschlecht, Gewicht, Erfahrung und Können getrennt, Pünktchen sammeln, Spiel und Spaß und als Sahnehäubchen noch Medaillen und Pokale. Nett.

Randori, ein Überbleibsel aus dem traditionellen Karate

In einigen Schulen gibt es mehr oder weniger regelmäßig noch Übungen im Randori, ganz oder teilweise vorab festgelegte Abläufe, um Sequenzen von Techniken mit einem Partner zu üben.

*VOLLBREMSUNG*

Randori… Festgelegte Techniken (Kihon), mehr oder weniger festgelegte Abläufe (Kata) im Kampf mit dem Partner (Kumite)… Das verbindet doch irgendwie alle drei Dinge zu etwas neuem, zu etwas größerem. Haben wir den „Missing Link“ gefunden, der unser TRADITIONELLES Karate so ineffizient erscheinen lässt? Anscheinend.

Zweite Frage: Was ist der Unterschied zwischen heutigem und historischem Karate?

Wenn wir uns alte Fotos und Schriften über Karate anschauen, erkennen wir oft, dass Karate eine ziemlich fiese Masche war. Tritte zwischen die Beine, Schläge zur Kehle, Griffe, Hebel, Würfe, sogar Waffen gehörten in jedes okinawanische Karate-Dojo. Im „modernen“ Karate scheint vieles davon zu fehlen. Hier stellt sich nun die Frage, wie es dazu kam. Wenn wir auf unsere Gedankenspiele mit den Märchen zurückgreifen, ergibt sich ein möglicher Grund. Die Meister, die auszogen, um Karate zu verbreiten, haben das Fehlende schlicht nicht gelehrt. Oder ihre Schüler (oder deren Schüler) gaben es nicht mehr weiter.

Dritte Frage: Warum fehlt so viel?

Das Prinzip „Stille Post“ hatten wir bereits. Zu diesem gesellt sich die Tatsache, dass für die Verbreitung von Karate nicht im gleichen Ausmaß unterrichtet wurde, wie in den alten Dojos früher. Viel größere Gruppen, viel weniger Zeit. Heute wird Karate nicht mehr von morgens bis abends jeden Tag trainiert. Oft nur noch 1 – 4 Stunden pro Woche. Durch diese zeitliche Streckung und dem damit verbundenen erhöhten Wiederholungsbedarf in jeder Trainingseinheit wird das, was im alten Okinawa in einem Jahr gelehrt wurde, heute in 10 bis 20 Jahren und mehr vermittelt. Hinzu kommt, dass die Verbreitung von Karate auf den japanischen Hauptinseln unter strengen Reglements erfolgte, als es in Schulen und Universitäten als Körperertüchtigung gelehrt wurde. Viele Techniken wurden bewusst entschärft. Oder schlicht nicht gelehrt, weil sie als „zu gefährlich“ galten. Karate fristete lange Zeit ein Dasein als Sport, statt als realitätserprobte Kampfkunst.

Wir können also zusammenfassen, dass das überlieferte Karate viele seiner ursprünglichen Elemente verloren hat. Teils absichtlich durch Anpassung, teils unabsichtlich durch Vergessen und „Stille Post“. Und doch sind die Grundzüge noch immer zu finden, es gibt eine Verbindung vom Sport-Karate und TRADITIONELLEN Karate zu der wirklichen Tradition des Karate. Es gibt einen „Missing Link“, der gar nicht so missing ist: Das Randori.

Im Randori werden alle Elemente des heutigen Karatetrainings rudimentär miteinander verbunden.

Was bringt uns diese Erkenntnis?

Zumindest einen Ansporn zur Frage, ob es noch einen weiteren Teil des Karate gibt, der versteckt wurde. Und den gibt es wirklich! Er nennt sich: Bunkai! Die Bedeutungen hinter den Kata!

„Bunkai ist doch, wenn mich einer mit einer Technik angreift, zu der die Technik aus der Kata passt?“

Ganz großes NEIN!! Dass heutzutage Bunkai als Karate-gegen-Karate-Vorführungen präsentiert werden, ist genauso eine Folge des Entschärfens, wie das Fehlen vieler Techniken. Bunkai, die Bedeutung von Kata, beschäftigte sich im alten Okinawa absolut nicht mit Vorführungen, sondern einzig und allein damit, welche Selbstverteidigungstechniken die alten Meister in ihren Kata verarbeitet haben!

Ja, ihr lest richtig!

Kata = Selbstverteidigung!!!!111einself!!

Jetzt schmeißen wir unsere Erkenntnisse mal alle in einen Topf, rühren kräftig um und backen uns einen schönen Karatekuchen, der uns die Wahrheit über echtes traditionelles Karate zeigt.

Erste Zutat: Randori – Übungen, die alle Teilbereiche des Karate vereinen

Zweite Zutat: Bunkai – Methoden und Prinzipien der Selbstverteidigung in Kata

Lassen wir es uns schmecken: Tradionell wurden im Karate Grundtechniken geübt, um den Körper zu trainieren, mechanische Abläufe einzustudieren, Koordination, Kraft, Präzision, Schnelligkeit zu trainieren und so weiter und so fort. In Übungskämpfen wurden diese Techniken angewendet, um Angriffe erkennen und darauf reagieren zu lernen, Reflexe zu schulen, die eigenen Grenzen zu erweitern. Verschiedenste Selbstverteidigunssituationen wurden trainiert, um mit einem biomechanisch trainierten und auf effiziente Reaktionen geschulten Körper sich selbst oder andere verteidigen zu können, als Lern- und Übungshilfe wurden diese Trainingseinheiten zu Kata zusammengefasst. Die Verteidigung gegen stärkere, größere, bewaffnete, mehrere Gegner, das alles ist in den Kata enthalten.

Im Laufe der Jahrzehnte wurden viele der effizienten (Ikken Hissatsu) Verteidigungstechniken nicht mehr vermittelt, gingen „verloren“, während die Stufen, auf denen man zu ihnen gelangte, übrig geblieben sind. Die Grundtechniken blieben erhalten, nicht jedoch die Klarheit, dass diese einzig und allein der Vorbereitung des Körpers dienten. Die Kata blieben erhalten, nicht jedoch die Selbstverständlichkeit, dass das nur Erinnerungsmethoden, Lernhilfen für die Selbstverteidigung waren. Das Kämpfen blieb erhalten, wurde jedoch vom Randori zum Kumite verändert und diente fortan nicht mehr dem Training der Reflexe, dem Abbau der Angst und dem Austesten der eigenen Grenzen, sondern dem Sammeln von Medaillen und Pokalen.

Begriffe, wie Tradition, Randori und Bunkai, wurden beibehalten, doch verloren sie ihre Bedeutung.

Was ist also „traditionelles Karate“?

Echtes traditionelles Karate vermittelt effiziente Techniken, nutzt Kata als Anleitungen zur Kreation von Selbstverteidigungsübungen gegen böse Typen, die uns ans Leder wollen, benutzt Kihon, damit unsere Muskeln reflexartig auf Bedrohungen reagieren können und wir instinktiv wissen, wie wir eine Abwehrtechnik so einsetzen können, dass sie auch wirkt, nutzt Kämpfe (Randori und Kumite), damit wir unsere Angst mindern, damit wir uns austesten können, ohne gleich in Gefahr für Leib und Leben zu geraten, bringt uns bei, wie wir uns verteidigen können, wenn es keine Möglichkeit zur Flucht oder Vermeidung des Kampfes mehr gibt.


Traditionelles Karate zwischen Miyagi Chojun und seinem Schüler Kyoda
Miyagi Chojun und Kyoda beim Randori, dahin, wo’s wehtut.

DAS ist traditionelles Karate!

Am Ende sollen hier noch ein paar Beispiele stehen, um zu verdeutlichen, was der Unterschied zwischen McDojo-„Geld her“-„Wir sind traditionell“-Karate und wahrem traditionellen Karate ist.

Kansetsu Geri:
McDojo sagt: Du musst dein Knie heben und deinen Fuß an dein anderes Knie anlegen, dann in einem 45°-Winkel schräg nach unten und schräg von der Körpermitte weg treten.
Traditionelles Karate: Tritt ihm gegen’s Schienbein!

Ren Tsuki:
McDojo sagt: Du begibst dich in Kamae Te, führst einen Maeken/Oi Tsuki aus, gefolgt von einem Gyaku Tsuki und verbleibst dabei im Zenkutsu Dachi.
Traditionelles Karate: Schlag mehrmals zu, irgendwas trifft schon!

Shuto Uke:
McDojo sagt: Du ziehst deine Hand zur gegenüberliegenden Schulter, während der andere Arm darunter über die Körpermitte hinausgeht, führst mit der ersten Hand eine parabelähnliche Bewegung aus und ziehst die andere Hand offen nach hinten.
Traditionelles Karate: Handkante macht Aua, probier’s mal!

Neko Ashi Dachi:
McDojo sagt: Dein Gewicht lastet zu ca. 90-95% auf dem hinteren Bein, dessen Knie gebeugt ist, während der vordere Fuß nur noch auf dem Ballen steht, um das Gleichgewicht zu wahren, wichtig sind dabei dies & das & das & jenes…
Traditionelles Karate: Verlager dein Gewicht nach hinten zum Ausweichen, statt gleich wegzugehen, dann kannst du schneller kontern!

Die Wahrheit ist also: Echtes Karate, echtes „traditionelles“ Karate bringt uns bei, wie wir uns verteidigen können. SOGENANNTES „traditionelles“ Karate, das Form über Funktion, Aussehen über Effizienz stellt, hat nichts mehr mit Karate zu tun!

Karate ist Selbstverteidigung, schnell, effizient und manchmal richtig böse.

Im Yuukikai Karatedo nennt man „traditionelles Karate“ daher „klassisches Karate“, um die Missverständnisse zu vermeiden.

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